Spielbuch der Superlative

Swen Harder: Reiter der schwarzen Sonne, 2. Auflage, Mantikore-Verlag 2013.

Dass die bereits für letzten Oktober(!) angekündigte Rezension des Spielbuchs “Reiter der schwarzen Sonne” von Swen Harder erst jetzt erscheint, liegt nicht nur am stets knappen Gut Freizeit, sondern auch am zu besprechenden Buch selbst. Dieses wird ausdrücklich damit beworben, dass es mit 1350 Abschnitten das “größte jemals veröffentlichte Spielbuch” sei, und entsprechend zeitaufwendig ist es, solch ein Opus zu beurteilen.

In “Reiter der schwarzen Sonne” schlüpft der Leser in die Rolle eines Ugarith, eines Wesens der Nacht, der das Schicksal der Welt ins rechte Lot bringen soll – so weit, so bekannt. Die sich aus dieser genretypischen Prämisse ergebende Handlung ist jedoch erfreulicherweise nicht allzu klischeehaft und steckt voller überraschender Wendungen, die das Lesen zu einem großen Vergnügen machen. Vom dramatischen Einstieg an zieht das Buch den Leser unmittelbar in seinen Bann. Besonders erfreulich ist der weitgehende Verzicht auf bedeutungslose (Zufalls-)Entscheidungen zugunsten sinnvoller, inhaltlich interessanter Optionen.

Das Regelwerk ist ungewöhnlich komplex, was sich bereits am sehr detaillierten Abenteuer-Protokoll zeigt. Der Autor nimmt dem ganzen jedoch dadurch den Schrecken, dass er die Spielregeln Stück für Stück während der Lektüre erklärt. Auch wenn ein solches eingebautes Tutorial sicher hilfreich ist, sind doch die Nachteile eines solchen Vorgehens nicht von der Hand zu weisen. Vor allem reißen einen die ständigen technischen Anweisungen immer wieder aus der Handlung heraus. Überhaupt stellt sich die Frage, ob es der regeltechnischen Feinheiten nicht einige weniger hätten sein können. Bei aller Liebe zum Hantieren mit Bleistift und Radiergummi, das bei Spielbüchern einfach dazugehört – mitunter artet mir das Buch etwas zu sehr in Verwaltungsarbeit aus.

Die Einteilung in für sich abgeschlossene Kapitel ist angesichts des enormen Umfangs eine sehr gute Idee. Dadurch erhält man so etwas wie Speicherpunkte, von denen aus man einen neuen Versuch beginnen kann. Eine weitere Neuheit sind die Bonussektionen, die ein erneutes Durchspielen bedeutend reizvoller machen. Auf erfolgreiche Leser wartet sogar ein komplettes Bonuskapitel. Ein weiteres begrüßenswertes Novum im Spielbuchbereich ist der adaptive Schwierigkeitsgrad. Je nach gewählter Herausforderungsstufe und Spielweise erhält man nach dem Absolvieren des Buchs einen unterschiedlichen Rang und kann sich bei perfektem Spiel gar “Spielbuch-Gott” nennen.

Sprachlich weiß “Reiter der schwarzen Sonne” durchaus zu gefallen. Szenen und Charaktere werden lebendig und schnörkellos beschrieben und die meisten Abschnitte sind auch nicht ausufernd lang. Zwar gibt es manchen Stilbruch und auch orthografische Fehler sind durchaus vorhanden, doch hat man da in der Blütezeit der Spielbücher Schlimmeres erlebt. Amüsant ist beispielweise die Stelle, an der man sich von einem Blinden mit einem angedeuteten Kopfnicken verabschiedet.

Ein wesentliches Merkmal der klassischen Spielbuch-Ära sind die Text-Vignetten sowie die ganzseitigen Illustrationen wichtiger Abschnitte. FuFu Frauenwahls großartige Zeichnungen greifen wunderbar den traditionellen holzschnittartigen Stil auf und runden das Spielerlebnis atmosphärisch ab.

Die äußere Gestaltung des Buchs ist schlichtweg vorbildlich. Der typografisch ansprechende Satz, der Daumenindex, das übersichtliche Abenteuerprotokoll und die detaillierte, wenn auch etwas technisch anmutende Landkarte der Spielwelt setzen neue Maßstäbe. Es ist sogar eine Special Edition erschienen, die neben dem Buch unter anderem einen Schuber, ein Extra-Booklet und eine Soundtrack-CD enthält.

Alles in allem kann ich “Reiter der schwarzen Sonne” uneingeschränkt all jenen, Anfängern wie Veteranen, ans Herz legen, die eine spannende Reise von epischen Dimensionen und moralischer Tragweite erleben wollen und dabei ein wenig Regelstudium und Buchführung nicht scheuen. Der Autor beweist nicht nur, dass das (gedruckte) Spielbuch nicht tot ist, sondern reizt dessen System zudem noch bis zum Äußersten aus. Fast möchte man sagen: Mehr geht nicht! Ich hoffe sehr, dass Swen Harder eines Tages den Gegenbeweis antritt.

Ich danke dem Mantikore-Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars. Diese Rezension bezieht sich auf die zweite Auflage. Inzwischen ist bereits die dritte erschienen.

Swen Harder: Reiter der schwarzen Sonne, 3. Auflage, Mantikore-Verlag 2014.

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